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Die Gesellschaft zur Emanzipation des Samples präsentiert ‚Circulations’.


Vermutlich ist bei obiger Überschrift der Klärungsbedarf größer als ihr Informationsgehalt. Dennoch sollen über den Präsentator nur wenige Worte verloren werden: Denn die Gesellschaft zur Emanzipation des Samples existiert nicht offiziell, ist vielmehr eine lose Idee, ohne Manifestation und Mitgliedschaft, die sich hauptsächlich einem pragmatischen Gedanken verpflichtet: finanziellen Rückhalt und juristischen Beistand beim Ausüben eines Urheberrechtsverstoßes, dem Sampling.
(Mehr zur Idee der G.E.S am Ende des Textes*)


Zu ‚Circulations’: Die Idee zu dieser Audiocollage kam über das zufällige Aufnehmen von Popsongs, die über die PA eines Jahrmarktskarussells abgespielt wurden. Jeder kennt das Szenario: Beim Autoscooter läuft Bruce Springsteens ‚Born In the USA’, das Karussell, das von Marvin Gayes ‚Sexual Healing’ begleitet wird, aber auch Filmgeräusche im Kinosaal oder die Sinusgeneratoren einer Klanginstallation: All diese Aufnahmen sind Aufnahmen öffentlicher Räume. Klanglich festgehalten werden jedoch nicht nur die spezifischen Räume, sondern ein zum Ort und der Aufführung autarkes Moment der Erkennbarkeit. ‚Sexual Healing’ wird sich wohl immer aus dem Rauschen des Öffentlichen dechiffrieren lassen, unabhängig des Aufführungsortes.
Doch was passiert mit den urheberrechtlichen Ansprüchen beim Benutzen dieser Aufnahmen? Müssen Marvin Gayes Verlegern Tantieme ausgezahlt werden, weil auf der Aufnahme eines Karussellbetriebs ‚Sexual Healing’ zu hören ist?


‚Circulations’ inszeniert diese Aufnahmesituation nach. Wiedergabegeräte wurden in öffentlichen Räumen platziert um das gewünschte Samplematerial abzuspielen. Die daraus entstandenen Aufnahmen bezeugen Musik aus einem öffentlichen Raum. Und auch wenn die Autorenschaft der Musik sich vielleicht noch zuordnen lässt: Zu hören bleibt eine Feldaufnahme, in welcher Musik beiläufig mitzirkuliert. Es wird neben der Raumakustik, Passantengesprächen und Verkehrsgeräuschen zu einem Event unter vielen. Kann auf solche Aufnahmen weiterhin Anspruch auf Copyright erhoben werden?


‚Circulations’ inszeniert eine Aufnahmesituation und zugleich auch die Utopie eines urheberrechtsfreien Raums. Denn vielleicht eröffnet sich hier ein Weg aus der Kriminalisierung des Samplings: Man nehme sein Samplematerial und sample es im öffentlichen Raum.


Auf der CD befinden sich 20 Miniaturcollagen, deren Soundmaterial sich fast immer aus solchen Aufnahmen zusammensetzt. Mal ist die Situation des Öffentlichen offensichtlich, mal kaum erkennbar. Je nachdem wie stark diese Samples bearbeitet wurden.
Um einer eventuellen Enttäuschung vorzubeugen: Weder Springsteens ‚Born in the USA’, noch Gayes’ ‚Sexual Healing’ sind in die Collagen mit eingearbeitet worden. Umso mehr freue ich mich darüber, dass der Autor der Collage seine Liebe zur Exotica-Musik mit mir teilt. Zumindestens ist es das, was man beim Hören von ‚Circulations’ zu erkennen glaubt. Der Autor selbst gibt sich als anonymes Mitglied der G.E.S. aus.


Jan Jelinek



* Zur Idee der G.E.S.:
Circa 90% aller Urheberrechtsstreitigkeiten in der Musik laufen auf Vergleiche hinaus. Der Schaden des Samplenden ist also in erster Linie ein finanzieller: Die Anwaltskosten sowie die Summe des Vergleichs. Was wäre aber, wenn die Mitglieder der G.E.S. durch einen jährlichen Mitgliedsbeitrag einen Fond unterhalten würden, der für solche Schäden aufkäme? Der Samplende hätte die Sicherheit, dass aus besagtem Fond etwaige Anwaltkorrespondenzen u. ä. bezahlt werden. Und vielleicht würde sich mit dieser finanziellen Sicherheit auch das unverfrorene Gefühl der Rechtsicherheit einschleichen. Ein Gefühl der Rechtssicherheit, dass den Samplenden davon abhält, weiterhin ängstlich zu erwägen, inwiefern die Samplequelle erkennbar ist oder wie sehr sie noch verfremdet werden muss, um nicht Besitzansprüche Dritter zu riskieren. Kurz: Mit dem Resultat, dass ästhetische und inhaltliche Erwägungen sich von den Ansprüchen des Urheberrechts emanzipieren könnten.

 

       
Selbstverständlich bliebe diese neue ‚Rechtssicherheit’ trügerisch, schließlich ginge es im Fall eines Rechtsstreits um Schadensbegrenzung und nicht um Schadensbehebung. Gefühlte Rechtssicherheit wird quasi zum süßen Schein der Sampling-Entkriminalisierung: Dagegen ist aber nichts einzuwenden, solange der Schein das Handeln im emanzipatorischen Sinne beeinflusst.



Titel

1. birds of heraklion
2. orinoco bullerbü
3. oberhausen
6. duell der kommentaristen
7. hawaiian machine chant
11. mount zermatt
12. incidental music from mombasa
16. taxi schwitters
20. schlaf (nach einfuehrung der psychoanalyse)