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Tonband & Notizen zu "Trabant", 1970

Sonne = Blackbox (Voice and Tape Music by Ursula Bogner)


Die Einladung Faitiches, Ursula Bogners Archive zu sichten und eine Auswahl ihrer Werke für eine zweite Compilation zusammen zu tragen, hat mich angenehm überrascht. Meine Freude war umso größer, als ich bei meinen Recherchen auf einen Fundus von Materialien stieß - Tonbandaufnahmen, Notizen und grafische Partituren-, die zwei bislang unbekannte, sich aber überschneidende Aspekte von Bogners Arbeit ans Licht bringen: ihre Experimente mit Tonbandmanipulation und den Gebrauch der menschlichen Stimme als Klangquelle.

Beim Hören der Aufnahmen offenbarte sich mir eine mutige und verspielte Musik - voll ungestümen Forschungsdrang, der durch eine gewisse Emotionalität beschwichtigt wird. Mich beeindruckte ihr vielfältiger Gebrauch der menschlichen Stimme in ihrem ohnehin schon vielschichtigen Werk. Neben eher konventionellen Formen des melodischen und harmonischen Gesangs, entdeckte ich Stimmen, die gedehnt, übereinander gelegt und in der Art bearbeitet werden, dass sie Texturen gleichen  oder die Tonalität anderer Instrumente annehmen. Besonders fasziniert haben mich Jubiläum und Shepard Monde - zwei Stücke, auf denen Bogners Tonband- und Stimmexperimente am deutlichsten zusammenfließen: Ihre zyklischen Strukturen entstehen aus Fragmenten von gelooptem Gesang, die das rhythmische Gerüst bilden um weitere Elemente einführen zu können.

Meine Vermutung, dass die Stimme in diesen Stücken zu Ursula Bogner gehört, konnte ich anhand des Archivmaterials weder belegen noch widerlegen. Auf den Aufnahmenotizen, die einigen Bänder beigelegt worden sind, fehlt jede Erwähnung eines Vokalisten. Dennoch: Trotz der bisweilen radikalen Stimmtransformation behält die Hauptstimme - über eine Schaffenszeit von 15 Jahren hinweg - eine gewisse klangliche Konsistenz. Es drängte sich mir auf, hier von ein- und derselben Person zu sprechen. Als ich Ursula Bogners Sohn Sebastian Auszüge dieser Aufnahmen vorspielte, konnte er meine Vermutung bestätigen: wir hören tatsächlich die Stimme der Komponistin. Davon auszunehmen sind möglicherweise die Doo-Wop-Gesang-Loops in Or Dor Melanor, Fragmente von Pop-Harmonien sowie die liturgischen Gesänge, die beim Chor Der Oktaven als Cut-Ups zu hören sind.

Doch die menschliche Stimme war nicht das einzige Material, das Bogner für ihre Tonbandexperimente nutzte. Tatsächlich sind ihre Soundquellen so vielfältig wie ihre kompositorischen Zugänge. Das E-Gitarren-Motiv bei Trabant wird beispielsweise durch beschleunigte, verlangsamte und rückwärts laufende Versionen  akzentuiert – mir scheint, als ob dadurch die gedoppelte Singstimme (in elektronisch bearbeiteter und originaler Version) auf elegante Art gespiegelt wird. Auch erwähnenswert ist Illusorische Planeten: Mehrere  Rhythmusspuren formen sich zu  einer zerklüfteten Landschaft, auf der sich ein Chor von Stimmen und elektronischen Tönen niederzulassen sucht, sich im hiesigen Gestrüpp verfängt und letztendlich doch wieder emporzusteigen vermag. An anderer Stelle hören wir  Klavier, Wasser, Windspiele, und orchestrale Streicher oder, wie in der zweiten Hälfte Nach Europas, eine komplexe Klanglandschaft vermutlich elektronischen Ursprungs, die durch Tonbandmanipulationen eine Reihe von Metamorphosen erfährt.


Ursula Bogner, Jahr unbekannt / Beobachtungskuppel, konstruiert von Ursula & Ulrich Bogner. Das Bild zeigt Ulrich Bogner und Sohn Sebastian. (aus: "Sterne und Weltall", 1977)

Von besonderem Interesse waren für mich die Notizen auf einigen Bandspulen, denen die hier vorliegenden Stücke entstammen. Toningenieure und Archivare verwenden Formblätter, um technische Informationen rund um Aufnahme und Komposition zu notieren. Ursula Bogner nutzte diese Formulare interessanterweise nicht nur für technische Anmerkungen, sondern auch um Ideefragmente, Assoziationen und mögliche Inspirationsquellen ihrer Musik auf den Bändern festzuhalten.

Ich habe hier beispielhaft einige Notizen zusammengestellt, ergänzt mit meinen (durchweg subjektiven) Interpretationen:

 

De Planetarum Influxu

Mesmerismus. Versuch der Umsetzung des fluidalen Gefüges. Gibt es eine klangliche Analogie zur Hypnose?

Die Anmerkung scheint sich auf Franz Mesmers Theorie des animalischen Magnetismus zu beziehen, nach der in den Körpern von Lebewesen eine magnetische Flüssigkeit zu finden ist. Versuche dieses "ätherische Medium" zu kanalisieren, um verschiedene Krankheiten zu behandeln, führten letztlich zur Diskreditierung der Theorie, trugen aber auch zur Entstehung der modernen Hypnotherapie bei.

 

Illusorische Planeten

Gegenerde, verborgen hinter der Sonne. Alles ist antithetisch arrangiert, Bedingungen für Symmetrie nicht gegeben. Ellipsenmusik.

Möglicherweise ein Verweis auf die sogenannte „Gegen-Erde“. Nach der klassischen griechischen Astronomie fungiert der Planet "Antichton", verborgen hinter der Sonne, als Gegengewicht zur Erde. Bei "Ellipsenmusik" könnte es sich um eine Anspielung auf die "Sphärenmusik" handeln - eine Anspielung, welche die astronomischen Gesetzmäßigkeiten präziser wiederzugeben vermag?

 

Uranotypie

Uranium 92, Platintransmutation. Uranus Epsilonring. Weißer Schwan 92. Uranotypie. Uranylferrocyanid.

Im Jahr 1789 (von einem Berliner Chemiker) entdeckt, wurde Uran nach dem damals ebenso neu entdeckten Planeten Uranus benannt. Bogner scheint hier mit der Nummer 92, der Ordnungszahl des Uran im Periodensystem, zu spielen. Uranotypie und Uranylferrocyanid verweisen höchstwahrscheinlich auf die Verwendung von radioaktivem Uran in fotografischen Druckverfahren des späten 19. Jahrhunderts. Die Anführung des "weißen Schwans" bleibt rätselhaft.

 

Trabant (Audiotitel siehe unten)

Ungleiche Duplikate entgleiten in instabile Umlaufbahnen. Satelliten des Selbst.

Meine Interpretation hierzu: Beziehen sich die "ungleichen Duplikate" auf die geloopten Variationen des Gitarremotivs, das die rhythmische und harmonische Grundlage dieses Stückes bildet? „Instabile Umlaufbahnen“ könnten die Rolle des Gesangs im Verhältnis zur Musik bezeichnen. Ist das "Selbst" und dessen "Satelliten" ein Verweis auf Bogners gedoppelte und elektronisch bearbeitete Stimme?

 

Nach Europa

Teleskopische Entdeckung zyklopischer Herkunft. Trüber Stern, langsamer als das Auge. Durch die Wolken brechend.

Beginnend mit einer simplen Rhythmusfigur, häuft dieses Stück nach und nach harmonische Texturen an, um schließlich in eine sich wirbelnde, dissonante und dunkle Klangwelt auszubrechen. Im Verbund mit der Musik suggerieren Bogners Notizen eine Reise zu einer fernen und unerforschten Welt. Klingt das plötzliche Aussetzen der Rhythmusspur auf halber Strecke nicht wie eine "Wasserlandung" in einem fremden Ozean?

Neben Bändern, Notizen, grafischen Partituren und Zeichnungen hinterließ Ursula Bogner auch ein Karteikartensystem, um Gedanken, Konzepte, Textfragmente und Wortspiele festzuhalten. Zu mindestens drei der hier versammelten Stücke existieren entsprechende Karteikarten.

 

Zwei Beispiele:

 

Or, Dor, Dor, Dor, Dor

Or, Dor, Dor

Melanor

(Ursula Bogner, 1972 - Audiotitel siehe unten)

 

Die Beziehung zwischen der Karteikartennotiz und dem Lied, in dem diese drei Wörter - in einer für Ursula Bogner charakteristisch getragenen und zugleich lässigen Stimmart - intoniert werden, bleibt unbekannt.

 

Sonne = Blackbox

(Ursula Bogner, 1972 - Audiotitel siehe unten)

 

Auch hier ist unklar, ob die Karteikarte vor dem gleichnamigen Musikstück entstand oder sie dazu diente, den Namen eines bereits fertigen Stücks festzuhalten. Bislang noch nicht im Karteikartensystem gefunden ist jedoch der gesungene Text:

 

Ist denn die Sonne eine Blackbox?

Ob man die Nacht abschaffen kann?

Auf dem Uranus, Herschels Planet

Mit Schäfermonden rings umrannt

Solarwinde

 

Ich hoffe, dass diese Musikauswahl sowohl für neue Hörer als auch für diejenigen, die bereits mit Ursula Bogners Arbeit vertraut sind, von Interesse ist, schärfen die ausgewählten Stücke doch nicht nur unser Bogner-Bild, sondern erweitern zugleich auch ihre faszinierende Künstlerpersona.

 

Andrew Pekler



Zettelkasten (Kartothek), 1966-1976. Schlagwörter (Registerblätter): Leben, Götter, Klang, Paradigma, Orgon, Weltall, Mikrophonie, Sonne, Die kosmisch-menschliche Geste.


Titel

1. Sonne = Blackbox (1972)
4. Trabant (1970)
5. Or Dor Melanor (1981)
7. Strahlungen (1974)
11. Shepard Monde (1971)
12. Signalfluss (1980)
13. Homöostat (1985)